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“Weil es analog ist, ist es anders”

Peter Kubelka und "Monument Film" im Gartenbaukino.

Peter Kubelka erläutert "Monument Film". Foto: Autor.

Peter Kubelka erläutert "Monument Film". Foto: Autor.

Der Film "Antiphon" wird vom Publikum gegen die Leinwand gehalten. Foto: Autor.

Der Film "Antiphon" wird vom Publikum gegen die Leinwand gehalten. Foto: Autor.

Im Saal sind die Projektoren aufgestellt. Foto: Autor.

Im Saal sind die Projektoren aufgestellt. Foto: Autor.

"Kino ist archaisch", meint Filmavantgardist Kubelka. Foto: Autor.

"Kino ist archaisch", meint Filmavantgardist Kubelka. Foto: Autor.

Monument Film als Installation im Foyer des Gartenbaukinos. Foto: Autor

Monument Film als Installation im Foyer des Gartenbaukinos. Foto: Autor

Bildgewitter
Der Kino-Operateur Christopher zählte “eins - zwei - drei” und Sekundenbruchteile später erlebten wir im Kinosaal Filmgeschichte. Peter Kubelka ließ seine Filme “Arnulf Rainer” und “Antiphon” gleichzeitig und vollständig überlappend, auf die Kinoleinwand projizieren. Wir sahen Licht, Licht und nochmals Licht! Ich hörte ein unaufhörliches Zischen und Rauschen, als ob gerade ein Bienenstock in einem offenem Gefährt dahin brauste. Es flimmerte und flackerte auf der Leinwand und es löste in meinem Kopf ein seltsames Neuronengewitter aus. Danach glaubte ich ein graues Muster zu sehen, welches auf einer Wasseroberfläche zu gleiten schien. Feine Risse, wie die Äderchen eines Baumblattes, mischten sich mal hier, mal dort, in das imaginäre Bild ein. Plötzlich kam abrupt der Nachspann - Stille - Applaus.

Der Filmemacher
Peter Kubelka (geb. 1934, Wien) war ganz und gar in seinen Elementen - davon hat er, behaupte ich, einige. Sein Vortrag, der durch die einzelnen Vorführungen aufgeteilt war, entführte uns zuerst in seine analoge Gegenwelt des digitalen Kinos, dann zur ersten kulturellen Handlung des Menschen, nämlich das Kochen mit dem Kochlöffel, und später zum Hier und Jetzt, das nicht mehr als ein hölzernes “Klack” - ausgelöst durch japanische Klanghölzer, die er zum Beweis aufeinander schlug - sein kann (er wiederholte das Experiment mit einer kleinen Glocke). Er beschwor das Archaische des Films und sprach davon, dass die analoge Kinotechnik den Tag-und-Nacht-Rhythmus, als einen Tanz der Welt zu repräsentieren imstande ist.

Monument Film - eine multiple Performance
“Arnulf Rainer” entstand 1960 (im selben Jahr wurde das Gartenbaukino eröffnet). Der Film dauerte sechs Minuten und 24 Sekunden und zeigte in Kaderblöcken Licht und kein Licht. Zugleich enthielt die Tonspur Rauschen und Schweigen. Bild und Ton wechselten sich willkürlich ab. Daraus ließ sich keine “Handlung” ableiten, sondern, es passierten einfach Ereignisse, die “da” sind. Das Gegenstück bildete “Antiphon” als die exakte Umkehrung.

In mehreren Durchläufen projizierten die Vorführgeräte “Arnulf Rainer”, dann “Antiphon”. Danach wurden beide Projektoren im Saal so eingerichtet, dass die Bilder nebeneinander und gleichzeitig die Filmkader auf die Leinwand warfen. Im dritten Durchlauf wurde endlich die Vollkommenheit durch die akkurate Gleichzeitigkeit und das Nacheinander von Bild und Ton in einem gemeinsamen Rahmen erreicht.
Schließlich: Die Installation im Foyer des Gartenbaukinos vervollständigte die Ganzheit des Kinos, wie es der Filmavantgardist Kubelka versteht.

Peter Kubelka sagte, dass er mit dem Projekt “Monument Film” ein Denkmal für den analogen Film setzen will. Vielleicht “sieht es (auch) aus wie ein Grabmal” aber “das Digitale ist die größte Gefahr [...] und kann nicht (mehr) gebremst werden.”

 

Viennale-Filmtipp
29.10.2012, 15:30
Gartenbaukino

FRAGMENTS OF KUBELKA (Martina Kudláček, 232 min)

Credits

Abbildungen auf dieser Seite:

  • SAMMLUNG VERBUND: Birgit Jürgenssen: Ich möchte hier raus!, 1976.
    (Abb. aus 'Held together with water'; herausgegeben von Gabriele Schor; erschienen im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2007)